Medieninformation / Video zur Diplomfeier vom 1. September 2018

Medieninformation / Video zur Diplomfeier vom 1. September 2018

17-09-2018

VIDEO: https://www.youtube.com/watch?v=lRjf1lmyQW0

 

Expertenwissen für Import und Export

 

Freihandelsabkommen als persönliche Karrierechance

Wer über Freihandelsabkommen spricht, denkt meistens an die Vorbereitungs- und Abschlussphase der Verhandlungen durch das SECO. Sind die Verträge einmal unter Dach und Fach, müssen sie jedoch auch fachgerecht umgesetzt werden. Dafür sind die Aussenhandelsfachkräfte zuständig. Dank ihnen profitieren Unternehmen mehr von den Freihandelsabkommen.  Auch in diesem Jahr haben 110 Frauen und Männer die Weiterbildungen im Aussenhandel abgeschlossen. Für die rund 300 Gäste der Diplomfeier ein Anlass, über die Zukunft des Aussenhandels zu diskutieren.

Der Schweiz geht es gut – das zeigt sich auch im internationalen Rating. Mit dem Bruttoinlandprodukt pro Kopf liegt unser Land weltweit an 4. Stelle. Die neuesten Zahlen zeigen, dass der BIP im Vergleich zum Vorjahr wieder um 3,4% gestiegen ist. Stabilität und Wohlstand sind in der rohstoffarmen Schweiz eng mit dem Aussenhandel verflochten. So erstaunt es nicht, dass die Schweiz zu den Ländern mit dem grössten Anteil des Aussenhandels am BIP zählt.

Aussenhandel ist mehr als Export

Wie das SECO gerade bekannt gegeben hat, sind die Gesamtexporte der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren um 7% gewachsen. So führte die Schweiz 2006 Waren für CHF 185 Mio. aus und importierte Güter für CHF 185 Mio. 2017 beliefen sich die Exporte bereits auf CHF 295 Mio. und die Importe auf CHF 265 Mio. Auch im laufenden Jahr übersteigt die Entwicklung die Erwartungen. Im zweiten Quartal 2018 verzeichneten die Warenexporte eine Steigerung von 2,8%.

Jean-Philippe Kohl, interimistischer Direktor von Swissmem, dem schweizerischen Verband der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, betonte an der Diplomfeier im Kultur- und Kongresszentrum Aarau, wie wichtig der Aussenhandel für die Schweizer Industrie ist. «Im Durchschnitt exportieren unsere Mitglieder 80% ihres Umsatzes ins Ausland. Sie beschaffen aber zur Herstellung ihrer Güter nicht alles im Inland. Das heisst, dass ein grosser Teil der Rohmaterialien und Halbfabrikate eingeführt wird. So produziert zum Beispiel ein Unternehmen aus dem Rheintal Qualitätsstahlrohre und führt deshalb aus Österreich Blech ein. Das aufgerollte Blech wird dann in der Schweiz zu Stahlrohren verformt. Diese Qualitätsprodukte werden anschliessend nach Deutschland exportiert, wo sie in der Automobilindustrie verarbeitet werden.»

Urs Affolter ist Finanzchef eines internationalen, 800-köpfigen Konzerns. Er führt das Wirtschaftswachstum der letzten zwei Jahrzehnte zu rund einem Viertel auf die funktionierenden Freihandelsabkommen zurück. Der Prüfungsexperte der Aussenhandelsfachkräfte ist überzeugt: «In den letzten 20 Jahren konnten wir den BIP vor allem dank des wachsenden Handels mit der EU und EFTA steigern. In Zukunft werden jedoch auch zunehmend andere Länder an Stellenwert gewinnen – ich denke da zum Beispiel an Indien.»

Aussenhandelsleiterinnen/Aussenhandelsleiter und Aussenhandelsfachfrauen/Aussenhandelsfachmänner

Was eingeführt oder ausgeführt wird, muss bekanntlich die Landesgrenzen überwinden. Dies generiert zum einen mehrere Millionen Pakete, die den Zoll passieren. Auf der anderen Seite blüht die Business-Logistik, die den reibungslosen Import und Export sicherstellt. Auf welchen Kanälen auch immer die Waren importiert oder exportiert werden – immer müssen die Zollbestimmungen und internationalen Regeln beachtet und eingehalten werden. Für diese komplexe Tätigkeit gibt es die Experten: die Aussenhandelsfachfrauen und -fachmänner und die AussenhandelsleiterInnen. Sie haben eine Weiterbildung auf Stufe Berufsprüfung BP oder Höhere Fachprüfung HFP hinter sich. Die frisch gebackenen 95 Aussenhandelsfachmänner und -fachfrauen sowie 14 Aussenhandelsleiter haben in Anwesenheit von 300 Gästen im Kongress- und Kulturzentrum Aarau ihr Diplom entgegennehmen können.

Urs Affolter ist auch Mitglied der Prüfungskommission für die Aussenhandelsfachleute. Er erklärt, welchen Beitrag sie leisten: «Aussenhandelsfachkräfte helfen bei der Anwendung von Freihandelsabkommen. Denn ein Freihandelsabkommen anzuwenden und zu verstehen ist ganz enorm wichtig, wenn es in der Praxis funktionieren soll. Wird es nicht angewendet, können wir auch nicht so exportieren oder importieren, wie es das Freihandelsabkommen mit dem jeweiligen Land vorsieht. Man hört immer wieder, dass in China für den Import die Regeln des Freihandels noch nicht ganz angewendet werden. Eben – das ist alles eine Frage des Wissens und der Erfahrung.» Auch in der Westschweiz und im Tessin ist der Bedarf an Fachleuten im Aussenhandel gross. Prüfungsexperte Pierre-Laurent Antoine Triolo betont, wie wichtig intakte  internationale Verträge sind. «Unser Unternehmen kann zum Beispiel in Kirgisistan mit russischen Unternehmen konkurrieren und auch sehr attraktive Preise anbieten.» Claudia Schmidiger ist als Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Aussenhandel tätig. Ihr breites Wissen kommt ihr als Prüfungsexpertin zugute. Der Aussenhandel ist für sie ein Lebensnerv der Schweiz: «In der kleinen Schweiz stösst ein Unternehmen schnell an seine Grenzen – im wahrsten Sinne des Wortes, also an die Landesgrenzen. Wer seinen Umsatz steigern möchte, muss auch über die Landesgrenzen hinauszuschauen und exportieren bzw. importieren.»

Im Gespräch mit frisch gebackenen Fachkräften

Nicole Felber ist in der Lebensmittelbranche als Fachperson Aussenhandel tätig und hat die beste Prüfung als Aussenhandelsleiterin abgeschlossen. In ihrer Branche ist gerade das Gesetz der Exportsubventionen, das sogenannte Schoggi-Gesetz, abgeschafft worden. Sie ist sich sicher: «Das wird sich auch auf meine berufliche Tätigkeit auswirken; es sind einige Änderungen zu erwarten.» Mit dem neuen Diplom in der Tasche beurteilt sie ihre Zukunftsaussichten als sehr positiv: «In fünf Jahren würde ich mich gerne im strategischen Bereich bewegen. Das könnte auch eine beratende Tätigkeit in einem Fachbereich mit Zoll- und Aussenhandel sein.»

Auch Bernhard Zulliger hat sich nach der Berufsprüfung zum Aussenhandelsfachmann zu einem weiteren Bildungsschritt entschieden: Das neue Diplom als Aussenhandelsleiter fördert seine Karrierechancen: «Auch im Zeitalter der Digitalisierung erachte ich das Risiko als relativ gering, ersetzt zu werden. Die Digitalisierung erleichtert uns aber die Arbeit. Als Gruppenleiter trage ich die Verantwortung für die Auftragsabwicklung einer Abteilung. Hier schätze ich die grossen Vorteile in der direkten digitalen Abwicklung der Aufträge.»

Nina Burkhart hat sich nach einer Lehre in der Spedition als Aussenhandelsfachfrau weitergebildet. Sie schätzt es sehr, dass sie mehr Verantwortung übernehmen kann: «Die Weiterbildung ist meine Basis für einen Karrieresprung; so kann ich einmal eine leitende Funktion übernehmen. Das Diplom öffnet mir aber auch den Eintritt in ganz unterschiedliche Branchen.» Die Karrierechancen von jungen Leuten im Aussenhandel beurteilt sie als sehr gut, weil «der internationale Handel stetig zunimmt». Die steigende Komplexität verlangt nach ausgebildeten Mitarbeitenden im Aussenhandel: «Mit ihrem Wissen können sie die ganzen Prozesse reibungslos abwickeln.»

Nicole Kümin ist in der Hörgerätebranche tätig. Auch sie sieht die steigende Komplexität des Aussenhandels als Laufbahnchance: «Es ist mittlerweile schwierig, im Aussenhandel die Übersicht zu behalten.» Auch das mag ein Grund dafür sein, dass rund ein Drittel der zur Prüfung Angetretenen diese beim ersten Anlauf nicht bestanden haben. Nicole Kümin weiss aus eigener Erfahrung: «Die Experten sind relativ streng. Sie haben schon erkennen wollen, was man weiss oder eben nicht weiss. Und sie haben natürlich auch nachgehakt. Das gehört dazu.» Das Diplom ist nun der krönende Abschluss nach einer Zeit, in der für die berufsbegleitende Weiterbildung auf Freizeit verzichtet werden musste.

Aussenhandel im Sog der Initiativen

Den Optimismus der AbsolventInnen möchte Jean-Philippe Kohl von Swissmem gerne teilen. Doch er sieht der Realität ins Auge: «Wir beobachten mit erhöhter Sorge, dass immer wieder politische Vorstösse und Initiativen lanciert werden, die im Kern zwar nicht gegen den Aussenhandel gerichtet sind. Sie haben aber die Nebenwirkung, dass unsere wirtschaftliche Offenheit torpediert wird. Das schlägt sich über kurz oder lang beim Wohlstand unseres Landes nieder.»

Aussenhandelsfachleute haben die Kompetenz, qualifizierte und spezialisierte Arbeiten und Führungsaufgaben in den Bereichen Import und/oder Export von Waren und Dienstleistungen auszuführen. Sie arbeiten in international tätigen Handels-, Dienstleistungs- und Produktionsfirmen. Zu ihren Aufgaben gehört die Analyse von Kundenwünschen. Sie stellen sicher, dass die Kunden die Güter oder Dienstleistungen termin- und fachgerecht erhalten. Verhandlungen führen sie in verschiedenen Sprachen und berücksichtigen kulturelle Eigenheiten. Organisation des weltweiten Gütertransports unter Berücksichtigung der länderspezifischen, ökonomischen und ökologischen Gegebenheiten gehören genauso zu ihren Aufgaben wie die Zollabfertigung mit allen notwendigen Dokumenten. Aussenhandelsfachleute sind in besonderem Masse für die Risiken im internationalen Handel sensibilisiert. Dadurch können sie diese minimieren, absichern und im Sinne der Unternehmensziele damit umgehen. Aussenhandelsfachleute zeichnen sich durch hohe Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz aus. Sie tragen in ihrer Rolle als Fachvorgesetzte aktiv zur Teamentwicklung bei und organisieren interne Ausbildungen.

Aussenhandelsleiter verfügen über die nötigen Kompetenzen, um anspruchsvolle und komplexe Planungs-, Führungs-, und Fachaufgaben im Aussenhandel zu übernehmen. Sie sind in international tätigen Handels-, Dienstleistungs- und Produktionsunternehmen tätig und übernehmen Vorgesetztenfunktion auf oberer Kaderebene. Sie erarbeiten strategische Richtlinien, bearbeiten Projekte, erstellen Konzepte und tragen die Gesamtverantwortung der Leistungen im Bereich des Imports und/oder Exports sowie des Transithandels. Sie überwachen alle Aspekte des Aussenhandels unter Berücksichtigung internationaler Abkommen und Vorgaben. Weiter optimieren sie die Lieferung von Gütern und Dienstleistungen unter Berücksichtigung der ökonomischen und ökologischen Gegebenheiten. Zu ihrer Arbeit gehört auch die Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung zur Erarbeitung des Risikomanagements sowie der Optimierungs-Strategien für Prozesse und Schnittstellen. Das Berechnen und Interpretieren der für den Aussenhandel relevanten betriebswirtschaftlichen Zahlen gehört ebenso zu ihren Aufgaben wie das Erstellen und die Überwachung des entsprechenden Teil- und Gesamtbudgets.